Master and Commander - bis ans Ende der Welt

Die Verfilmung eines Buches der Aubrey-Maturin-Serie kam am 27.11.2003 in die deutschen Kinos. Der englische Titel ist "Master and Commander - The far Side of the World".

Kritik aus der Sicht eines Fans der literarischen Vorlage

Der Film setzt O'Brian's Vorlage weit besser in das Medium Film um als ich es erwartet hatte. Die Abweichungen des Drehbuchs vom Buch "Manöver um Feuerland" (des 10. Buch der Reihe) sind keine grundsätzliche Verfälschung, sondern sind aus den Erfordernissen des Mediums Film erklärbar. Einige Änderungen sind bedauerlich aber wohl unvermeidlich: so ist der Gegner kein amerikanisches Schiff (Norfolk, deren Reise von der historischen USS Essex inspiriert ist) sondern ein französisches Schiff (anders läßt sich das wohl dem US-Kinopublikum nicht verkaufen) und die Charaktere von Horner, Hollom und Higgins sind zu einem (Hollom) zusammengefaßt - Stephen Maturins Assistent Higgins kommt zwar vor, aber nicht um. In verschiedenen Besprechungen von Autoren, welche die Aubrey-Maturin-Reihe nicht gelesen haben, wird als ungewöhnlich aber dem Sujet geschuldet herausgestellt. Eigentlich merkwürdig, denn in der Vorlage von O'Brian kommen durchaus Frauen vor, und eine von ihnen (Mrs. Horner) spielt eine verhängnisvolle Rolle.

Patrick O'Brian-Fans werden viele liebgewonnene kleine Episoden aus anderen Büchern der Reihe wieder erkennen (the least of two weevils, die Schädelöffnung, die von Stephen Maturin an sich selbst vorgenommene Operation.) Einige Nebenfiguren sind recht gut besetzt (z.B. Padeen). Leider wird demjenigen, der das Buch nicht gelesen hat, dann und wann etwas unmotiviert erscheinen.

Das Schiff als solches (die komplexeste Maschine der damaligen Zeit) und seine Führung sind sehr gut dargestellt. Die Seeleute ziehen nicht (wie bei manchen anderen Filmen gesehen) ohne Sinn und Verstand an irgend welchen Leinen, sondern das Schiff wird gesegelt. Beim genauen Ansehen des Films ist die Liebe zum Detail sichtbar, zum Beispiel steht die Mühe, mit der bei der kleinen, verwundeten Surprise in der Verfolgung auf Vorwindkurs die Leesegel ausgebracht werden, im Kontrast zur Schnelligkeit und Akkuratesse, mit der im Fernglas bei der Acheron das Setzen der Leesegel zu sehen ist. Das Raumgefühl in der Enge auf und unter Deck des Surprise kommt sehr gut 'rüber. Als einzige kleine Fehler wären anzumerken, daß in ein oder zwei Fällen (bei der nächlichen Verfolgung und bei Kap Hoorn) erhebliche Kursänderungen ohne irgend eine Änderung des Segeltrimms erfolgen.

Der Text der deutschen Synchronisierung ist recht gut gelungen (Jack Aubrey's the least of two weevils ist wohl kaum zu übersetzen und wird deshalb durch ein etwas bemühtes Wortspiel ersetzt). Als einziger Ausrutscher fällt auf, daß die Aufnahme der Walfänger (Überlebende eines Angriffs der Acheron) in die Mannschaft bei den Galápagos-Inseln wie ein standesamtlicher Vorgang daherkommt.

Die Rolle des Stephen Maturin ist mit Paul Bettany leider nicht besonders geeignet besetzt - nicht wegen der schauspielerischen Leistung, die ausgezeichnet ist, sondern weil er einfach zu gut aussieht - Stephen Maturin ist ein eher kümmerlich aussehender Mann, der zudem auf sein Äußeres keinen Wert legt. Auch bei Tom Pullings hat der Mut nicht bis zur Häßlichkeit gereicht - seine im Original entstellende Wunde wurde zu einem kleinen Kratzer auf der Wange.


Tomas Schild

Links

Seite zum literarischen Vorbild - der Aubrey-Maturin-Serie von Patrick O'Brian

Wikipedia-Artikel (deutsch)

Wikipedia-Artikel (englisch)

Eintrag in der Internet Movie Database

H.M.S. Surprise in Mourning - Geoff Hunt im Andenken an Patrick O'Brian (✝ 2. Januar 2000)


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©Tomas Schild 2003. Letzte Änderung 2015-04-22 (Linkpflege)